Gründen nur Deppen nicht in Berlin?

Am vergangenen Samstag veröffentlichte der Tages-Anzeiger im Wirtschaftsressort eine Doppelseite über Startups. Der Hauptartikel von Barnaby Skinner war mit «Nur die Spreu geht nicht an die Spree» betitelt (online mittlerweile als «woran Schweizer Jungfirmen scheitern»).

Damit greift der Tagi ein Thema auf, das mich schon länger beschäftigt und ich auch in meinen Referaten immer wieder anspreche: In welcher Stadt sollte man ein Startup gründen?

Ich glaube nicht, dass darauf eine pauschale Antwort gibt - aber anhand einiger konkreten Fragen kann man für das eigene Startup die beste Location identifizieren.

In welcher Stadt hat sich Ökosystem entwickelt, zu dem mein Startup passt?

Gerade in der Anfangsphase eine Startups ist es enorm wichtig, dass man sich mit anderen Gründern austauschen kann, um die eigene Idee zu challengen, Annahmen zu verifizieren, mögliche Stolpersteine zu identifizieren oder geeignete Co-Founder zu finden. Bereits ganz zu Beginn sollte jeder Gründer erste Kontakte zu Investoren herstellen, um bei den Finanzierungsrunden auf ein Netzwerk zurückgreifen zu können. In Berlin findet jeden Abend irgendwo eine Startup-Veranstaltung statt, regelmässig gastieren hochkarätige Konferenzen in der Stadt. Und Zürich? Wir reisen einmal pro Jahr an den CEO Day nach Bern.

Ein Anhaltspunkt für ein gutes Startup-Ökosystem können Rankings bieten, wie beispielsweise das von Compass (die Studie kann per Email bestellt werden, eine Zusammenfassung gibts z.B. bei TNW - nein, Zürich taucht nicht einmal auf). Zudem sollte man analysieren, in welcher Stadt sich bereits Startups in einer ähnlichen Branche angesiedelt haben, weil es ein Anzeichen für passende Investoren, Branchentreffs und Networkingevents, und nicht zuletzt auch für einen Markt ist. Für eCommerce könnte Berlin der richtige Standort sein, für ein Fintech-Startup vielleicht London.

Wo finde ich passende Mitarbeiter für mein Startup?

Vor sechs Jahren habe ich am Samstagnachmittag in der Ubahn in Berlin ein Gespräch zwischen zwei Studentinnen aufgeschnappt, die sich darüber unterhalten haben, in welchem Startup sie ein Praktikum absolvieren möchten. Für Zürich ist das auch heute noch unvorstellbar, Startups sind hier schlicht und einfach nicht cool.

Die talentiertesten Programmierer aus ganz Europa, die bei einem Startup arbeiten möchten, zieht es nach Berlin, weil die lebendige Berliner Szene eine Sogwirkung ausgelöst hat. Bei vielen Techies steht Berlin für die spannendsten Herausforderungen bei den attraktivsten Jungfirmen. Nach Zürich hingegen kommen Entwickler, für die andere Faktoren wichtiger sind: Überdurchschnittlich gute Bezahlung, ein sicherer Job, Fringe Benefits - Dinge, die ein Startup nicht bieten kann.

Wo sind die Kosten für den Lebensunterhalt startupkompatibel?

Jeder, der schon einmal in Zürich war, weiss: Hier sind die Lebensunterhaltskosten definitiv viel zu hoch, um mit einem schmalen Startupbudget kompatibel zu sein. Schlimmer noch: Was hierzulande (bei Web-Startups) als Series A gefeiert wird, geht in anderen Städten als grössere Seed-Runde durch. In einer anderen Stadt kann - das richtige Business Model und gute Nutzungszahlen vorausgesetzt - mehr Geld geraised und die Cash Burn Rate tiefer gehalten werden. Diesen Wettbewerbsvorteil gilt es auszunutzen.

Und wo bleibt die Lebensqualität?

Selbstverständlich ist die Lebensqualität in Zürich unendlich gross: Wo sonst kann man mitten in der Stadt im See schwimmen, sind die Strassen so sauber und die Stabilität so gross?

Natürlich ist es am einfachsten, die eigene Komfortzone gar nicht erst zu verlassen. Es ist sicher nichte einfach, sich in einer anderen Stadt rasch einzuleben, neue Freunde und Bekannte zu finden. Aber vielleicht ermöglicht gerade dieser erzwungene Fokus auf das Startup einen schwungvollen Start? Zudem lässt sich auch in anderen Städten ganz gut leben - sei es Berlin, London, Paris oder San Francisco.

Gibt es eine Selbstselektion?

Der Tagi schreibt es deutlich: Die ganz grossen Ideen (und damit die guten Unternehmer) ziehen ins Ausland, bevorzugt nach Berlin. Der Klügere gibt nach, der Esel bleibt stehen oder kämpft gegen Windmühlen.

Eine Möglichkeit wäre natürlich auch ein Engagement in die lokale Startup-Szene. Ich frage mich allerdings, wieviel Energie durch Investments in ein unterentwickeltes Ökosystem verloren geht, die man für die Firma nutzen könnte. Siedeln die cleveren Gründern nicht eher an eine Location um, bei der die Voraussetzungen möglichst günstig sind, während andere unnötig Ressourcen verschwenden?

Interessant ist, für welchen Mittelweg sich die Startups Knip und Amorana entschieden haben: Knip unterhält Büros in Zürich, Berlin und Belgrad, Amorana sucht derzeit noch nach einem geeigneten Office in der deutschen Hauptstadt. Könnten mehrere Standorte die Lösung für Schweizer Gründer sein? Die Entwicklung in Osteuropa, Marketing in Berlin, und der Hauptsitz in Zürich, nicht zuletzt aus steuerlichen Überlegungen? Ich stelle mir das Pendeln zwischen verschiedenen Offices sehr spannend und lehrreich, aber auch zeit- und kostenintensiv vor. Deshalb werde ich dieses Modell für mein nächstes Startup ganz genau prüfen.

Nun bin ich gespannt auf Eure Meinung - hier im Blog, auf Facebook oder auf Twitter. Kann sich Zürich neben den europäischen Startup-Hubs Berlin, London und Paris behaupten? Ist die Schweizer Startup-Szene weiterentwickelt, als man denkt? Werdet Ihr in Zürich oder im Ausland gründen?