Zum russischen Überfall auf die Ukraine

Ich beschäftige mich seit 2016 mit der ukrainischen (Innen-)Politik und der ukrainischen Wirtschaft, insbesondere der lebhaften Startup-Szene sowie die das Land teilweise lähmende Durchdringung der Oligarchen. Der russische Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 hat viele neue Ukraine-Experten hervorgebracht. Da einigen das notwendige Hintergrundwissen zu fehlen scheint, erlaube ich mir, an dieser Stelle eine Quellensammlung zu publizieren.

2016 war ich zum ersten Mal in der Ukraine und habe in Odessa die dortige Startup-Szene kennengelernt. Seither war ich oft beruflich und privat in der Ukraine.

In meinem Blogpost über meinen ersten Odessa-Besuch habe ich meine Eindrücke festgehalten. Bis heute bin ich mit den Startuppern befreundet, die ich damals kennengelernt habe.

Sergey: Zerbombte Wohnung in Irpin

In meinem Artikel habe ich unter anderem Sergey vorgestellt, der an BalMuMu gearbeitet hat. Sein Startup gibt es in der Zwischenzeit nicht mehr, er ist bereits vor längerer Zeit in die Hauptstadt Kyiv gezogen. Ich müsse mir keine Sorgen machen, meinte er am ersten Tag des Angriffkrieges, er lebe mittlerweile im Kyiver Vorort Irpin. In den Suburbs sei es bestimmt sicherer als in Kyiv selbst.

Die zerbombte Wohnung von Sergey. Aus begründeter Angst vor einem weiteren Angriff wird der genaue Aufnahmeort und das Datum nicht veröffentlicht.

Der Ort, von dem ich davor noch nie gehört hatte, kennt mittlerweile jeder - als eine der am heftigsten umkämpften Städte. Die verstörenden Bilder gingen um die Welt. Auch Sergeys Wohnung wurde zwischenzeitlich von einer Rakete getroffen. Glücklicherweise konnte er mit seiner Familie in eine Kleinstadt im Westen der Ukraine fliehen.

Yaroslav: Im Umland von Odessa in Sicherheit

Yaroslav, der damals an Kaznachey - einer Art ukrainischem PayPal - gearbeitet hat, lebt nach wie vor in Odessa. Diese Stadt ist bis jetzt vor grösseren Angriffen verschont geblieben, russische Attacken vom schwarzen Meer werden aber jederzeit erwartet.

Als mich eine Redakteurin der ARD-Fernsehsendung “Europamagazin” kontaktierte, weil sie zuverlässige Quellen für eine Reportage aus Odessa benötigte, habe ich ihr den Kontakt zu Yaroslav vermittelt. Er befindet sich mit seiner Familie derzeit ca. 75km ausserhalb Odessas auf dem Land, wo die Wahrscheinlichkeit eines Angriffes hoffentlich geringer ist.

Seine Story erzählt er in den ersten Minuten des Europamagazins, das am 27.03.2022 im Ersten ausgestrahlt wurde.

Yaroslav. Screenshot Europamagazin 27.03.2022

Ukrainische Medien - einige Background-Infos

Das Mediensystem in der Ukraine funktioniert etwas anders als dasjenige in Westeuropa. Das liegt einerseits daran, dass Russland nichts unversucht lässt, um Fakenews zu verbreiten. Andererseits gehören die allermeisten Medienhäuser allesamt Oligarchen. Deren Outlets sind weniger der Wahrheit als den Interessen des Besitzers verpflichtet. Diese sollte man kennen, wenn man ukrainische Medien als Quellen verwendet.

Am Vorabend des Krieges habe ich deshalb in einem Twitter-Thread die wichtigsten ukrainischen Medien vorgestellt und sie einzuordnen versucht.

Rada TV, der Nachrichtensender des ukrainischen Parlaments @ua_parliament, sendet seit 20:35 Lokalzeit (also seit einer Stunde) aus der Tiefgarage.#ukraine #ukraina #UkraineUnderAttack #UkraineInvasion pic.twitter.com/PN9dfxi8r2 — Oliver Flueckiger 🇺🇦 (@oliverflueckige) February 25, 2022

Mittlerweile sind die ukrainischen Fernsehsender zusammengeschaltet; die vier grossen privaten Sendergruppen 1+1, Inter, StarLightMedia und Ukraina sowie das staatliche Rada-TV und der öffentlich-rechtliche Rundfunk strahlen rund um die Uhr eine gemeinsame Nachrichtensendung aus. Jeder Akteur gestaltet seinen mehrstündigen Slot individuell. Eine englischsprachige Synchronübersetzung gibt es auf YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=stxveKChQ04

Die 1+1-Gruppe, die Oligarch Ihor Kolomoyskyi zugeordnet wird, hat Präsident Selenskyi gross gemacht und seine (sehr sehenswerte!) Serie “Diener des Volkes” (mit deutschen Untertitel bei Arte) ausgestrahlt. Im Wahlkampf wurde Selenskyi massiv von Kolomoyskyi unterstützt. Das sollte man wissen, wenn man die zur 1+1-Gruppe gehörende Nachrichtenagentur Unian zitiert - was in diesen Tagen sehr häufig geschieht.

Die FAZ hat offenbar Ukraina24 geschaut, der Nachrichtensender der eher prorussischen “Media Group Ukraina”, die Oligarch Rinat Akhmetov gehört. Akhmetov wurde Ende 2021 öffentlich von Selenskyi beschuldigt, dass er in eine russische Intrige verwickelt sei. Auch das sollte man wissen, bevor man unbedarft von Ukraina24 Inhalte übernimmt.

Empfehlenswerte ukrainische Quellen

Selbstverständlich gibt es aber auch seriöse Medien in der Ukraine. Erst kurz vor dem Krieg wurde beispielsweise der Kyiv Independent von Journalist:innen der geschlossenen Kyiv Post gegründet. Diese englischsprachige Publikation genügt internationalen journalistischen Standards.

Die englischsprachige Seite des Magazins und Radiosenders NV wurde erst kurz vor der russischen Invasion gelaunched. NV war in Friedenszeiten wohl am ehesten mit dem Spiegel vergleichbar und eignet sich deshalb gut für Recherchen.

Der englischsprachige Ableger der seriösen Online-Zeitung Ukrayinska Pravda wurde erst nach Kriegsausbruch aufgeschaltet. Die Ukrayisnka Pravda hat sich mit sehr guten Investigativreportagen einen Namen gemacht. Auf englisch sind diese meistens nicht verfügbar, daher lohnt es sich, auch die ukrainisch-sprachige Version mit Google Translate zu lesen.

Von meinen ukrainischen Freunden wurde mir zudem Babel empfohlen, das ebenfalls auf englisch verfügbar ist. Einer der Mitgründer ist eng befreundet mit einem meiner Freunde. Die Seite gilt als eine der Nachrichtenportale mit den höchsten Standards.

Dass die Ukraine eine sehr lebhafte Demokratie ist und die Medien - anders als in Russland - alles andere als gleichgeschaltet sind, erkennt man übrigens auch an den vielen Publikationen beim Watchdog Media Detektor. Sogar jetzt wacht das Portal über journalistische Missstände im Gemeinschafts-TV-Newsprogramm und legt sie schonungslos offen.

Deutschsprachige Hintergrundinformationen

“Ukraine verstehen” vom “Zentrum Liberale Moderne” veröffentlicht in unregelmässigen Abständen eigene Artikel, aber auch Übersetzungen von ukrainischen Journalist:innen. Die langen Artikel haben immer eine sehr hohe Qualität und eignen sich hervorragend, um Zusammenhänge zu verstehen.

Ebenfalls sehr empfehlenswert sind die Länder-Analysen zur Ukraine. Die thematisch gebündelten Ausgaben liefern sehr viele Hintergrundinformationen.