Die Debatte zum neuen RTVG und des "service public" muss geführt werden - aber bitte mit Blick auf die Zukunft!
20.05.2015
Die Diskussion um die Revision des RTVG läuft auf Hochtouren und wird nicht immer sachlich geführt. Eigentlich geht es in der Revision um die Umstellung vom Gebührenmodell via Billag zu einer allgemeinen Medienabgabe. Die Gegner haben es geschafft, dass der Fokus aber auf ein anderes Thema gelenkt wird, das lange aufgeschoben wurde und die SRG nun wie einen Boomerang treffen könnte: Die Rolle der SRG und ihre Strategie. Es kommt natürlich nicht von ungefähr, dass gewisse Kreise die aktuelle Debatte nutzen, um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk grundsätzlich in Frage zu stellen und beispiesweise durch eine Privatisierung versuchen, Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen.
Viel wichtiger scheint mir allerdings, dass endlich diskutiert wird, wie sich die SRG im Schweizer Medienmarkt aufführt. Die SRG betreibt pro Sprachregion zwei bis drei TV-Sender, also insgesamt 7 Fernsehprogramme, und 17 Radioprogramme. Hinzu kommen digitale Angebote die die Newsplattform swissinfo.ch. Auch wenn ich durchaus für öffentlich-rechtliche Programme mit ausgewogenen Informationen bin, scheinen mir das etwas gar viele Angebote zu sein, die alle mit dem schönen Begriff "service public" (unter dem man sich alles und nichts vorstellen kann) gerechtfertigt werden. Selbst die drei seelenlosen Musikabspielprogramme wie Radio Swiss Pop fallen unter "service public", obwohl spätestens seit Spotify jeder selber einen solchen Radiosender für sich zusammenstellen (lassen) kann.
Dieses Problem wird sich früher oder später von selbst erledigen. Die TV-Nutzung von jungen Leuten geht seit Jahren konstant zurück, obwohl Angebote wie Netflix in der Schweiz noch nicht lange verfügbar sind. Ich selbst besitze seit Jahren weder ein Radio- noch ein TV-Gerät - und habe es bis jetzt keine Sekunde vermisst. Ich konsumiere keinerlei Angebote der SRG (und wenn, dann z.B. einen Fussballmatch bei einem Public Viewing), sondern informiere mich ausschliesslich online, wo ich News gemäss meinen Interessen selber zusammenstellen kann. So wie mir geht es vielen anderen Digital Natives und Digital Immigrants auch. Irgendwann wird die Generation Musikantenstadl ausgestorben sein - und keiner schaut mehr klassisches Fernsehen. Sofern sich die SRG und alle anderen Radio- und TV-Anbieter nicht neu erfinden, werden sie in einigen Jahren Geschichte sein.
TV-Nutzung in der Schweiz nach Altersgruppen | Create infographics
Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich die SRG bei den Jungen anbiedert. So wildert man im Bereich des personalisierten Radios mit dem Projekt diy.fm, wohl weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Eine Frechheit sondergleichen ist aber die neuste App Politbox, ein Game zu den Wahlen 2015, das unter der Leitung vom Journalisten Konrad Weber entwickelt wurde. Eigentlich darf die SRG im Web gemäss Konzession nur sendungsbezogene Produkte anbieten, diese Regel interpretiert die SRG allerdings grosszügig nach eigenem Gusto - schliesslich ist "service public" das, was die SRG macht. Politbox ist weder Audio- noch Videocontent und könnte genausogut von einem Startup wie Politnetz oder einem jungen Medienangebot wie Watson angeboten werden. Mit Journalismus hat eine solche Quiz-App rein gar nichts zu tun, und als Unternehmer besorgt es mich, dass die talentierten jungen Leute hinter Politbox offenbar lieber im sicheren Hafen der SRG gut bezahlt eine App entwickeln lassen, als dass sie an ihre Idee glauben, ihren Mut zusammennehmen und daraus ein Startup machen.
Mein Fazit: Früher oder später wird weder lineares Radio noch lineares Fernsehen konsumiert. Internationale Angebote wie Spotify oder Netflix ersetzen die klassischen elektronischen Medien komplett. Die Diskussion über die Anzahl Programme, die die SRG veranstalten darf, ist folglich müssig. Viel wichtiger ist, dass der Begriff "service public" genau geklärt wird und der SRG im Online-Bereich klare und enge Grenzen auferlegt werden. Solange die SRG weiterhin einfach multimediale Angebote und irgendwelche Apps launchen darf, müssen innovative Schweizer Jungunternehmer immer befürchten, dass sie von der öffentlich finanzierten SRG mit ihrem gewaltigen Mediapower aus dem Markt gedrängt werden. Genauso, wie sie es bereits bei privaten TV-Sendern gemacht hat, die Lizenzen für Sport- oder Unterhaltungsformate kaufen wollten. Ansonsten werden wir in einigen Jahren tatsächlich nur noch internationale Angebote nutzen, vor denen sich Roger de Weck so fürchtet.