Silicon Valley: Die Tage nach der Wahl
16.11.2016
Im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahlen haben sich die meisten Tech-Leader im Silicon Valley für die demokratische Kandidatin Hillary Clinton ausgesprochen, nur Trump-Supporter Peter Thiel war weitestgehend alleine auf der Flur. Noch am frühen Abend sah es nach einer sicheren Wette aus: Nate Silver prognostizierte Hillarys Sieg mit einer Wahrscheinlichkeit von über 80%, und die Wahlparty der Republikaner hier in San Francisco, bei der ich kurz vorbeigeschaut habe, war um 18.30 Uhr, mit maximal 50 Gästen nur sehr spärlich besucht.
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Schock in der Wahlnacht
Unter lauter Entpreneuren verfolgte ich den Wahlabend in einem Coworking-Space. Die gelöste Stimmung wurde bald sehr angespannt, als mit immer mehr Electoral Votes für Trump die Prognosen plötzlich kippten – für sämtliche Anwesenden auf die falsche Seite. Ungläubige Blicke und schockierte Gesichter überall, einige versuchten es mit Galgenhumor und andere kündigten an, demnächst auszuwandern. Auf Twitter liefen die Tech-Leaders sturm, so wurde beispielsweise eine Initiative für einen Calexit angekündigt, also den Austritt des Bundesstaates Kalifornien, immerhin der fünftgrössten Volkswirtschaft der Welt, aus den Vereinigten Staaten.
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Auch am Mittwoch war der Schock noch nicht verdaut, dass das Undenkbare tatsächlich eingetreten ist. Zwar spielt jeder Business as usual vor, aber jedes Gespräch dreht sich nur um ein einziges Thema. Meetings mit Business Angels und potentiellen Partnern finden statt, aber das Pitchdeck ist maximal Nebensache.
Was bedeutet Präsident Tump fürs Silicon Valley?
Die Menschen hier in der San Francisco Bay Area sind traditionell sehr liberal und extrem fortschrittsgläubig: Die Welt kann durch Technik verbessert werden. Da kommt ein Präsident Trump, der im Wahlkampf unter anderem davon gesprochen hat, dass er einen „Red Button“ für das Internet haben will, um es „ausschalten zu können“, äusserst ungelegen. Ein solcher Power-off-Knopf ist natürlich unrealistisch, aber es beweist, dass der President-elect von der digitalen Welt – ganz im Gegensatz zu Hillary Clinton – nicht besonders viel versteht. Das schürt reelle Unsicherheiten.
Trump möchte Freihandelsabkommen kündigen oder laufende Verhandlungen stoppen, und amerikanische Firmen sollen gezwungen werden, in den USA zu produzieren. In den Medien wurde das Beispiel Apple herumgereicht, das seine iPhones und PCs vielleicht demnächst wieder hier herstellen muss. Aber auch für kleine Startups können die Folgen einschneidend sein: Viele Jungunternehmen lassen ihre Hardware relativ günstig in einem der Cluster in Fernost herstellen, indem sie die globale Arbeitsteilung ausnutzen. Entwicklung und Design ist im Silicon Valley, die Produktion wird von Hardwarespezialisten in Shenzhen umgesetzt, Sollten sie nun gezwungen werden, in den USA zu produzieren, müssten sie das aggregierte Wissen, Produktionsstrassen etc. neu aufbauen – ein praktisch unmögliches Unterfangen.
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Trumps Fokus auf fossile Energien zum Beispiel wird als gewaltiger Rückschritt wahrgenommen. Völlig offen ist, was das für all die Cleantech-Startups bedeutet. Diese Liste liesse sich lange weiterführen. Das Problem dabei: Noch ist völlig unklar, was Trump als Präsident tatsächlich macht. Das schürt grosse Unsicherheit, was Gift für Investitionen ist. Derzeit geht hier beinahe jeder davon aus, dass eine Rezession unmittelbar bevorsteht, und sich das Klima für Startups weiter abkühlen wird, die Finanzierungsrunden und Bewertungen also schrumpfen.
Die Blase ist geplatzt
Eines hat sich bereits verändert: Viele Tech-Leader haben mit Brutalität vorgeführt bekommen, dass sie in einer riesigen Bubble lebten und den Puls des Landes überhaupt nicht mehr gespürt haben, sie waren eine Art Rockstars der Tech-Industrie. Den CEOs ist bewusst geworden, dass sie vielleicht nicht die Probleme lösen, die die meisten Amerikaner beschäftigen, sondern vor allem eigene. Wer will sich schon ein selbstfahrendes Auto anschaffen, wenn er sich nicht einmal ein normales leisten kann? In nächster Zeit dürfte sich der Fokus viele Entrepreneure verschieben.
Die Debatte um Fakenews auf Plattformen wie Facebook ist bereits in Europa angekommen. Dabei wird diskutiert, welche Strategien gegen bewussten Falschinformationen greifen. Müssen Journalisten eingestellt werden, die den Wahrheitsgehalt von Posts überprüfen, oder können auch diesen Job Algorithmen übernehmen? Das ist eine Diskussion, die so gar nicht ins Silicon Valley passt, schliesslich kann hier jedes Problem mit Technologie und Daten gelöst werden. Es bleibt spannend.