Startup-Location: San Francisco oder Berlin?

Vor genau einem Jahr habe ich mich schon einmal mit der Standortwahl von Startups befasst. Damals bin ich zum Schluss gekommen, dass Zürich definitiv nicht die richtige Location für ein junges Startup ist, und die in der Zwischenzeit aufgekommene Steuerproblematik ist leider ein weiteres Argument für diese Einschätzung.

Für das Startup, an dem ich gerade arbeite, sind wie bei den meisten Schweizer Enterpreneuren die beiden Hotspots Berlin und San Francisco in die nähere Auswahl gekommen. Beide Standorte haben ihre Vor- und Nachteile, die sorgfältig abgewogen werden müssen. Deshalb verbringe ich diesen Sommer in San Francisco, um herauszufinden, ob wir das Startup hier in der Bay Area oder in Berlin gründen.

Das Ökosystem

Eines der wichtigsten Kriterien für den Standort eines Startups ist das Ökosystem. Sehr beeindruckend: Berlin ist mit Abstand der am schnellsten wachsende Tech Hub der Welt und damit ist man definitiv am richtigen Ort, wenn man ein Startup gründen will. Im Umkehrschluss bedeutet es aber, dass das Ökosystem noch sehr jung ist und viele Strukturen noch nicht etabliert sind. Das erkennt man unter anderem daran, dass grössere Finanzierungsrunden (ab Series C) und gewichtige Exits nach wie vor auf sich warten lassen.

In der Bay Area, die das Silicon Valley und die Umgebung um San Francisco einschliesst, besteht das Ökosystem seit Jahrzehnten. Es gibt Generationen von erfolgreichen Unternehmern, die ihr Wissen und Geld in neue Startups investieren, die VCs haben ihre Büros alle an der Sand Hill Road in Menlo Park. Grosse Finanzierungsrunden lassen sich teilweise in atemberaubendem Tempo abschliessen - wenn man denn richtig gut ist. Zudem ziehen die Hochschulen Berkeley und Stanford die weltbesten Akademiker an.

Die Kosten

Dieser Punkt geht ganz klar an Berlin. Das Silicon Valley und San Francisco sind in der Regel teurer als Zürich, sowohl für die Lebensunterhaltskosten der Entrepreneure (Wohnung, Verpflegung als auch für die zu bezahlenden Gehälter. Ein halbwegs talentierter Junior Engineer kann locker USD 120'000 bis 140'000 verlangen (zudem ist der War of Talent hier sehr ausgeprägt). Diese Kosten müssen zwingend berücksichtigt werden, wenn die für europäischen Verhältnisse grossen Finanzierungsrunden besprochen werden. Unter Umständen kommt ein Startup mit einer EUR 3mio-Runde in Berlin weiter als ein Valley-Startup, das USD 6mio geraised hat.

Die Vision

Obwohl viele Berliner Startups ein internationales Gründungsteam haben, scheint mir die Szene nach wie vor europäisch geprägt, was häufig in der Wahl des Marktes zu sehen ist. Abgesehen von Rocket Internet zielen nur ganz wenige Startups auf die grossen Märkte dieser Welt, und konzentrieren sich lieber auf Europa.

Hier in der Bay Area ist hingegen sonnenklar, dass international und vor allem gross gedacht werden muss. Niemand begnügt sich mit der Nummer 2 im Heimmarkt, sondern alle Startups wollen Weltmarktführer werden. Diese "think big"-Kultur ist im Silicon Valley ganz tief verankert. Es dürfte unglaublich schwer sein, diese Kultur auch in Europa einzuführen. Wenn die Gründer gross denken, ist das schon mal gut - wenn das Team aber nicht mitzieht, wird die Strategie vermutlich nicht aufgehen.

Gemäss den Erzählungen von europäischen Foundern hier in der Bay Area kann ein Startup durchaus von diesem grossartigen Entrepreneurial Spirit profiteren und die Think-Big-DNA in die Unternehmung einpflanzen.

Zumindest in unserem Fall spricht die Vision eindeutig dafür, sie in der Bay Area umzusetzen.

Weitere Faktoren

Neben den eben diskutierten wichtigsten Argumente für/gegen Berlin bzw. San Francisco gibt es natürlich noch weitere Faktoren, auf die ich kurz eingehen möchte:

Aufenthaltsgenehmigung: Ist in den USA pain, in Deutschland für uns Schweizer problemlos möglich.

Komfortzone verlassen: Die deutsche Kultur ist uns Schweizern ziemlich ähnlich, Berlin ist eine Flugstunde (und acht Zugstunden) von Zürich entfernt. Ein spontanes Wochenende in Zürich liegt jederzeit drin. Bei 11h Flug und den entsprechenden Kosten (und 9h Zeitdifferenz) überlegt man sich das mehrfach. In die USA auswandern ist definitiv das grössere Abenteuer als nach Berlin zu ziehen.

Geschwindigkeit: Die Startups hier arbeiten in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. In San Francisco habe ich Berliner Entrepreneure kennengelernt, die mit ihrer Firma hierhergezogen sind, um von diesem Tempo zu profitieren, was so in Berlin nicht möglich wäre.

Terms: Die Termsheets sind weitestgehend standardisiert und public. Bevor man sich mit einem VC an einen Tisch setzt, kennt das Startup die Bedingungen ganz genau. Monate zäher Verhandlungen fallen weg.

Wetter: Im Silicon Valley scheint meistens die Sonne bei ca. 25°C. In San Francisco ist es meistens deutlich kühler und vor allem windiger, im Sommer häufig auch neblig. Dennoch ist das Wetter durchschnittlich signifikant besser als in Berlin (schliesslich sind wir hier in California).

Für welche Location würdet Ihr Euch entscheiden? Ich freue mich auf eine spannende Diskussion hier oder bei Facebook.

PS: Für unser Startup suchen wir als Co-Founder einen CTO und einen CMO. Für weitere Infos bitte direkt bei mir melden.