Quick-Commerce: Die GoPuff- und Gorillas-Klone erobern die Welt

Seit Gorillas das heisseste Startup Berlins ist, spricht in der Startup-Szene jeder über Quick-Commerce: Online-Supermärkte, die in zehn Minuten liefern. In den letzten Wochen sind die Finanzierungen und Firmenbewertungen in schwindelerregende Höhen geklettert. Seit einem Jahr verfolge ich den Quick-Commerce-Markt intensiv.

Im Frühsommer 2020 habe ich in Berlin zum ersten Mal Gorillas ausprobiert. Das Startup von Kağan Sümer, das im Juni im Prenzlauer Berg startete, liefert Lebensmittel und einige Drogerieprodukte zu mehr oder weniger Supermarktpreisen an. Bestellt werden kann ausschliesslich über eine App, und geliefert wird in einem 10-Minuten-Fenster, das gerade in den Anfangstagen häufig getoppt wurde.

In hyperlokalen Lagern, entweder Dark Stores oder Dark Warehouses, werden die Bestellungen abgearbeitet und mit Elektrofahrrädern ausgeliefert.

Aus User-Sicht ist das eine unglaublich geile Experience: Für eine kleine Delivery-Fee kann ich Produkte online bestellen, die häufig schneller geliefert werden, als wenn ich selbst zum Supermarkt gehe (selbst wenn der Supermarkt wie bei meiner Berliner Wohnung gleich um die Ecke ist).

In der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, dass klassische Grocery-eCommerce-Anbieter an ihre Grenzen stossen. Häufig sind die Lieferslots über Tage ausgebucht, die Lieferkosten und die Mindestbestellmenge sind hoch.

Startups, die die letzte Meile des Grocery-Shoppings neu denken und eine hohe Convenience bieten, haben das Potential, den Markt nachhaltiv zu verändern. Anstatt teure Ladenlokale an Prime-Locations können günstige Lagerräume genutzt werden, wie hier bei Samokat in Russland:

https://samokat.ru/darkstore_video.3b07972b.mp4

Im Lebensmittelhandel sind die Margen tief, es müssen hohe Umsätze generiert werden, um profitabel operieren zu können. Quick-Commerce-Startups müssen also schnell signifikante Marktanteile erobern und hohe Average Baskets erzielen, um gegenüber Produzenten Verhandlungsmacht aufzubauen und um sich gegen Nachahmer zu schützen.

Zudem sollten die Gehaltskosten vergleichsweise tief und die Bevölkerungsdichte hoch sein, damit die Unit Economics aufgehen, da ein Driver pro Stunde nur etwa drei Bestellungen ausliefern kann.

Gorillas ist ein Klon des türkischen Startups Getir, das 2015 startete und mittlerweile auch in London aktiv ist. Getir hat über USD 170 Mio geraised, unter anderem von Michael Moritz, Partner bei Sequoia. Das US-amerikanische GoPuff, das sich eher auf Alkoholika konzentriert und dessen Preise leicht höher sind, wird in der Zwischenzeit mit USD 3.9 Milliarden bewertet.

Kein Wunder, dass gerade weltweit Copycats entstehen.

Gorillas, das erst kürzlich EUR 40 Mio erhalten hat, soll bereits wieder eine EUR 100 Mio-Runde geclosed haben. Der deutsche Herausforderer Flink hat gerade eine Finanzierungsrunde über USD 52 Mio abgeschlossen. Bereits seit längerer Zeit experimentiert Yandex in Russland mit Lavka, und auch Samokat (“Scooter”) konzentriert sich auf den russischen Markt. Delivery Hero setzt auf MENA, Weezy und Zapp sind in London aktiv, Fridge no more in NYC.

In der Schweiz versuchen sich verschiedene Player an Quick Commerce: Avecnow von Valora und Heymigrolino von der Migros liefern im Raum Zürich innerhalb von 60 Minuten kostenfrei ab einem Basket von CHF 20, und verlangen deutlich höhere Convenience-Store-Preise. Die beiden Shops greifen nicht auf Dark Stores zurück, sondern picken in einer bestehenden Filiale. Die Lieferung übernehmen die in der Schweiz auch ziemlich gehypten Startups Annanow und Luckabox.

Viel näher am Original ist Stash, ein Experiment der Swiss Start Up Factory. Der Shop, der noch keine eigene App anbietet und auf Woocommerce setzt (siehe WordPress: Das perfekte Tool für MVPs), liefert momentan nur in den Zürcher Kreisen 4 und 5.

Während im dicht besiedelten Berlin bei einem Mindestlohn von ca. EUR 10 pro Stunde ein Gorillas je nach Average Basket akzeptable bis gute Unit Economics erzielen kann, scheint mir das in der Schweiz schwierig. Notime, das vor einiger Zeit von der Schweizerischen Post aufgekauft wurde, bezahlt pro Stunde gemäss GAV mindestens CHF 23.55. Selbst wenn in der Schweiz die Warenkörbe vermutlich um einiges grösser sind als in anderen Ländern, dürfte es in der Schweiz eine sehr grosse Herausforderung werden, einen Getir-Klon zum Erfolg zu bringen.

Deshalb wird Stash, das MVP der SSUF, mit Sicherheit von allen Seiten aufmerksam verfolgt. Umso spannender, dass sich das Team um Mike Baur und Simon Koch getraut hat, das Modell zu testen. Zu beweisen ist, dass der Average Basket deutlich höher ist als erwartet. Sonst können bei einer Liefergebühr von CHF 3.90 und Delivery-Gehaltskosten von über CHF 20 pro Stunde keine positiven Unit Economics erwirtschaftet werden. Drei Lieferungen pro Stunde à CHF 3.90 ergeben knapp CHF 12, es müssen also mindestens CHF 8 Delivery Cost subventioniert werden. Ein kurzer Preisvergleich einer willkürlichen Produktauswahl hat gezeigt, dass die Preise nicht höher sind als bei Coop und Migros. Ich nehme an, dass Stash derzeit keine Verträge mit Lieferanten hat, sondern die Produkte entweder bei Supermärkten oder im Wholesale einkauft; Gorillas ging beim Launch in Berlin gleich vor. Stash muss schnell wachsen, um von den Lieferanten gute Konditionen zu erhalten, damit eine attraktive Marge erzielt werden kann.

Das kann klappen, wenn es Stash gelingt, auch die Vororte und ländlichen Gebiete zu erobern. So oder so: Die Konsumenten werden Stash begeistert aufnehmen. Viel Erfolg!

Bild: Copyright GoPuff