Ist der Nebelspalter ein Medien-Startup - oder eine Nebelpetarde?

Markus Somm, Blocher-Biograf und Journalist, hat die Schweizer Satirezeitschrift Nebelspalter gekauft und sie zu einem Online-Medium umgebaut. Somm wird nicht müde zu betonen, dass der Nebelspalter jetzt auch ein Startup sei. Stimmt das, oder steckt ein anderes Kalkül dahinter?

Vor einiger Zeit wurde bekannt, dass der Nebelspalter, die gemäss Eigenaussage älteste existierende Satirezeitschrift der Schweiz, von einem Investorenkreis um Markus Somm übernommen wurde. Dass sich Somm, ex-Chefredaktor der Basler Zeitung und beinahe NZZ-Chefredaktor, ein neues Betätigungsfeld sucht, verwundert nicht. Es scheint en vogue zu sein, dass jeder Journalist mit hohem Sendungsbewusstsein sein eigenes Medium gründet (Constantin Seibt die Republik, René Zeyer Zackbum).

Aber warum kauft ein Mann wie Somm eine Satirezeitschrift?

Bereits in den ersten Projektankündigungen hat er bekanntgegeben, dass Satire nur noch einen Bruchteil des Inhaltes des neugeborenen Nebelspalters ausmachen soll. Vielmehr soll auf knallharte Recherche gesetzt werden, selbstverständlich serviert in Artikeln mit rechtsbürgerlicher Ausrichtung. Dazu scharte er teils hervorragende Journalisten wie Dominik Feusi um sich, der zwar auch regelmässig mit rechtslastigen Artikeln auffällt, aber immer wieder hieb- und stichfeste Primeure und gute Analysen liefert.

Weder Somm noch seine Geldgeber sind Digital Natives, und auch der erste Eindruck der Website wirkt nicht so, als verstünden die Macher besonders viel von der neuen Welt. Trotzdem nennt der Chefredaktor den Nebelspalter ein Medienstartup. Wie passt das zusammen?

Seit der neue Nebelspalter am 18. März 2021 online ging, ist klar: Sämtliche Artikel sind hinter einer harten Paywall verborgen, lediglich der Titel und die ersten drei Zeilen sind frei lesbar (die Paywall ist stümperhaft umgesetzt, im HTML-Quelltext ist problemlos der gesamte Text kostenlos sichtbar). Die meisten Artikel sind politisch und so humorbefreit, dass sie auch in der Weltwoche abgedruckt sein könnten. Auch die ersten Kommentare von Somm, Regula Stämpfli und Gottlieb F. Höpli wollen nicht so recht in ein Satiremagazin passen (wobei Humor ja Ansichtssache ist...). Podcasts und Videos, unter anderem mit Laura Zimmermann (Operation Libero), Corona-Skeptiker Reto Brennwald oder Tamara Wernli sind dagegen frei verfügbar.

In der Regel will und muss ein Startup Geld verdienen. Investoren finanzieren das Unternehmen so lange, bis es Gewinn abwirft und verlangen dann einen entsprechend hohen Return. Watson und die Republik haben gezeigt, wie schwierig es ist, mit Journalismus Geld zu verdienen.

Der Postillon, die mit grossem Abstand erfolgreichste General-Interest-Satireseite im deutschsprachigen Raum, kommt gemäss Mediadaten im DACH-Raum auf 0.72 Mio. User auf Desktop und 2.78 Mio. Unique User auf Mobile. Die TKPs bewegen sich zwischen EUR 11 und EUR 73.

Solche Klickzahlen sind für eine Satireseite in der viel kleineren Schweiz natürlich nicht erreichbar, insbesondere, wenn die Zielgruppe viel enger gefasst ist und die Inhalte hinter der Paywall verschlossen sind. Klar, bei Somm ist rechtsbürgerlicher Content zu erwarten, aber ich wage zu bezweifeln, dass besonders viele Leute einfach so die Kreditkarte zücken.

Die Werbetarife, die der Nebelspalter aufruft, liegen zwischen CHF 1’500 bis CHF 30’000, wobei auf Bannerwerbung bewusst verzichtet wird. Stolze Preise, wenn man bedenkt, dass vermutlich höchstens ein paar tausend User die Werbung hinter der Paywall überhaupt sehen.

Das eigentliche Problem ist aber ein anderes: Werden zahlende User zusätzlich Werbung (und die damit verbundenen Werbetracker) akzeptieren? Beim Spiegel müssen sich die Leser:Innen entscheiden, ob sie die Website kostenlos, aber mit Werbung, oder werbefrei konsumieren wollen, dafür aber pro Monat EUR 4.99 bezahlen. Die ersten Erfahrungen sind vielversprechend. Vielelicht wäre es sinnvoller, auf ein solches Modell zu setzen, schliesslich gibt es hohe Fixkosten zu decken - die von etablierten Medien abgeworbenen Journalisten werden sich kaum mit einem Republik-Einheitslohn von CHF 8’000 abspeisen lassen.

Wie so jemals der Break Even erreicht werden soll, erschliesst sich mir nicht.

Trotzdem haben namhafte Investoren CHF 7 Mio. in die Nebelspalter-Betreibergesellschaft Klarsicht AG investiert.

Das weckt den Verdacht, dass der Nebelspalter anders als ein klassisches Startup gar nie Geld verdienen will und - obwohl es der Firmenname verspricht - nicht Klarsicht schafft, sondern eine Nebelpetarde ist. Mit primitiven, rassistischen Cartoons soll in erster Linie die Grenze des Sagbaren weiter nach rechts verschoben werden. (Dass dieser Comic offenbar noch aus der Prä-Somm-Ära stammt und erst jetzt für Empörung sorgt, dürfte vor allem daran liegen, dass der Nebelspalter normalerweise weit weniger Aufmerksamkeit bekommt als in diesen Tagen.)

Das Kalkül der Geldgeber hinter dem redaktionellen, nicht-satirischen Content dürfte ebenfalls ein einfaches sein: Ganz klar liberal, libertär oder rechtsbürgerlich, und ich wage zu wetten, dass - analog zur Weltwoche - bei einem beträchtlichen Anteil der Artikel die Qualität hoch sein wird, und auch starke investigative Stücke darunter sein werden. Ziel ist aber nicht, dass möglichst viele Schweizer:Innen einen Einzelartikel für CHF 1.60 bzw. ein Monatsabo für CHF 16 kaufen, sondern dass andere Journalisten die Story aufnehmen. Die Geschichte soll Wellen schlagen, und der rechte Narrativ soll weiterverbreitet werden.

Ich bin mir sicher, dass - ebenfalls analog zur Weltwoche - regelmässig Aufreger eingestreut werden. Die Schweizer Journalistenbubble wird sich auf Twitter und in ihren Postillen über die rechten Provokationen des Nebelspalters empören, und so die eigentliche Botschaft Somms weiterverbreiten. Das Kalkül, das bei der SVP seit dreissig Jahren, bei Breitbart und auch bei Fake-News-Schleudern funktioniert, könnte auch beim Nebelspalter aufgehen.

Liebe Journalist:Innen: Danke, dass Ihr Euch nicht auf jede Nebelpetarde stürzt, die Somm Euch hinwirft!