Israel: Notwendigkeit schafft Innovation 🇮🇱
06.06.2022
Wenn es eine Startup-Nation gibt, dann ist es Israel: In keinem anderen Land gibt es mehr Startup-Investments pro Einwohner. Die Startups im kleinen Land in der Wüste denken von Beginn an international, und die meisten Gründer:innen lernen sich in den Spezialeinheiten der Armee kennen.
Als Organisator der Startup-Studienreisen im Rahmen des CAS "Digital Masterclass" an der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich habe ich das grosse Privileg, einmal pro Jahr in spannende Startup-Ökosysteme einzutauchen und interessante Gründer:innen zu treffen. Nach London, Tallinn und Stockholm hat uns die Study Tour Ende Mai 2022 wieder nach Israel geführt.
Israel ist die Startup Nation schlechthin - 15% des israelischen BIPs wird von High-Tech-Firmen generiert, 10% aller Israeli arbeiten in High-Tech-Firmen, 25% aller Einkommenssteuern werden von High-Tech-Mitarbeitern bezahlt, und 43% der israelischen Exporte sind von High-Tech-Unternehmen (Quelle: Israel Innovation Authority’s 2021 - Innovation Report). 2021 wurden über USD 25 Milliarden in 782 Startups investiert - ein Rekord.
Das Startup-Ökosystem in Israel wirkt sehr professionell. Die Unternehmer:innen, die wir getroffen haben, bezeichnen die Investoren durchwegs als fair und kompetent. Die Konkurrenz ist nicht nur unter den Startups, sondern auch unter den VCs gross: Bei den besten Startuppern stehen Investoren Schlange, entsprechend können sie auswählen, mit wem sie zusammenarbeiten wollen, zumal auch ausländisches Kapital ins Land fliesst.
Israel ist ein sehr kleines Land - kleiner als die Schweiz, aber mit leicht mehr Einwohnern. Analog zur Schweiz kommen in Israel praktisch keine Rohstoffe vor, dafür ist das Niveau an den Universitäten sehr hoch. Ein grosser Unterschied: Seit der Staatsgründung ist das Land von feindlich gestimmten Nachbarn umgeben. Es stellt sich die Frage, wie in der trockenen Wüste eine blühende Startup-Landschaft entstehen kann.
In unseren Gesprächen mit Entrepreneuren, VCs und Support-Organisationen wurden uns immer wieder drei Hauptgründe für den einzigartigen Startup-Erfolg Israels genannt:
"Necessity is the mother of innovation"
Ein junges Land, das praktisch von der Umwelt abgeschnitten ist, und dessen einziges Tor in die Welt der Ben-Gurion-Flughafen ist, muss sich etwas einfallen lassen. Während wir Schweizer durch unseren Reichtum und die geopolitisch sichere Lage inmitten der EU träge und risikoavers geworden sind, kann sich Israel einen solchen Luxus nicht erlauben.
Um in der trockenen Wüste Landwirtschaft betreiben zu können, musste beispielsweise in den 50er-Jahren ein wassersparendes Tröpfchen-Bewässerungssystem erfunden werden.
Chutzpah, die israelische Charaktereigenschaft, alles zu hinterfragen und sehr direkt zu sein, hilft sicher, um grosse Startup-Ideen zu finden. So darf z.B. ein junger Rekrut einen Offizier korrigieren, wenn dieser einen Fehler macht.
Es scheint sich die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, dass der konstanten Bedrohung durch die Nachbarstaaten, aber auch aus den Palästinensergebieten im Westjordanland und im Gazastreifen, nur mit schlagkräftigen Waffen begegnet werden kann. Nur eine mit innovativen Waffen praktisch unangreifbar hochgerüstete Armee könne Frieden schaffen. Viele dieser militärischen Innovationen werden von Startups international vermarktet, z.B. im Cyber-Security-Bereich.
Networking in den Armee-Spezialtruppen
Alle israelischen Staatsbürger:innen müssen 30 Monate Militärdienst leisten. Die israelische Armee unterhält mehrere Spezialeinheiten, unter anderem für Cyber Security. Dort übernehmen junge Leute früh Verantwortung, beweisen sich in Stresssituationen und erhalten eine hervorragende Ausbildung. Die besten Talente des Landes arbeiten noch vor dem Studium eng zusammen, und nicht wenige nutzen das Netzwerk und das erworbene Wissen, um ein Startup zu gründen.
Aber auch die VCs nutzen ihre Kontakte in die Armee: Vor einem Investment holen die VCs beim Militär Referenzen über die Unternehmer:innen ein. Nach nur wenigen Tagen erhalten sie eine umfassende Einschätzung und entscheiden unter anderem aufgrund dieses Feedbacks über ein Investment.
Im direkten Vergleich ist die Schweizer Armee leider ganz anders: Sie wirkt wie von bornierten kalten Kriegern beherrscht, die möglichst viel Munition sinnlos verballern wollen, und weder Interesse noch Kompetenz für eine schlagkräftige Cyber-Einheit haben. Das ist natürlich katastrophal; entsprechend sind wir die erste Generation, bei der sich eine Militärkarriere beruflich nicht mehr auszahlt (ja sogar kontraproduktiv ist). Das zeigt sich auch daran, dass viele Männer zum Weitermachen gezwungen werden müssen.
"International from day one"
Zwei stark wachsende Bevölkerungsgruppen tragen in Israel nur sehr wenig zur Wirtschaftsleistung bei: Die ultra-orthodoxen Juden sind von der Wehrpflicht befreit und verbringen den Tag mit dem Tora-Studium. Die Bildung in den Palästinensergebieten ist verhältnismässig schlecht, entsprechend gering ist auch die Wirtschaftsleistung dieser Bevölkerungsgruppe.
Auch wenn die israelische Bevölkerung von vielen Startuppern als tech-affin und gute early Adopters bezeichnet wird, hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass sich ein Launch in Israel nicht lohnt, weil der Markt zu klein ist. Häufig sind in Israel entwickelte Produkte im eigenen Land gar nicht erhältlich, z.B. die vielen Fintechs.
Das ist natürlich schade, aber es zeigt auch, wie gross die israelischen Entrepreneure (und auch VCs) denken. Einem VC aus Tel Aviv käme es nie in den Sinn, einem Portfolio-Unternehmen zu raten, sich erstmal auf den lokalen Markt zu konzentrieren. Das kommt in der Schweiz immer noch erschreckend häufig vor.
Die grosse Immigration in den 90er-Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war zwar ein Schock für die israelische Wirtschaft, hat aber auch sehr viele bestens ausgebildete Talente ins Land gebracht. Auch heute gibt es durch den russischen Angriff auf die Ukraine wieder eine Immigration von Talenten (alle Personen jüdischer Herkunft haben ein Niederlassungsrecht in Israel). Sicherlich unterstützen diese diversen kulturellen Hintergründe die frühe Internationalisierung.
Die Startup-Hotspots in Israel
Gemäss Swisspreneur gibt es in der Schweiz 16 (!) verschiedene "Startup-Mafias". In Israel arbeiten die Investoren nicht gegeneinander, sondern miteinander, was in einem kleinen Land ja durchaus sinnvoll ist.
Die Tech-Hotspots befinden sich in Israel hauptsächlich in drei Regionen:
Die Startup-Szene in Tel Aviv ist sicher am grössten. In der säkularisierten Metropole gibt es viele Coworking-Spaces und Offices mit tollen Dachterrassen. Der Kampf um Talente, die Löhne und Mieten sind aber sehr hoch.
Im viel religiöseren Jerusalem gibt es auch Startups und VCs, die vom Government starkt unterstützt werden.
Im südlicher, mitten in der Negev-Wüste gelegenen Be'er Sheva werden um die Ben-Gurion-University in einem neu gebauten Technologiepark gerade viele Startups angesiedelt. Der Schwerpunkt liegt auf Cyber-Startups und Desertech-Firmen. Darunter sind Startups zu verstehen, die das Leben in der Wüste ermöglichen oder verbessern. Auch hier wird zwar vor Ort in der Wüste geforscht, der Markt ist aber klar international.
Die Distanzen und Entscheidungswege sind kurz; in der Startup-Szene kennen sich alle über wenige Ecken. Verschiedene staatliche und nicht-staatliche Organisationen wie z.B. "Startup Nation Central" oder die Innovation Authority unterstützen das Ökosystem.
Literaturtipp: Dan Senor, Saul Singer - Start-up Nation: The Story of Israel's Economic Miracle (Wikipedia)