Äthiopien ist ein spannendes Land: Es gilt als eines der Herkunftsländer des modernen Menschen. 700 Jahre lang wurde es von der Salomonischen Dynastie regiert, nach einem Putsch 1974 herrschte bis 1991 eine sozialistische Einparteiendiktatur. Seither ist eine Rebellenallianz an der Macht. Äthiopien ist das einzige Land in Afrika, das nie kolonialisiert wurde (die Italiener versuchten es zweimal).

Die Sicherheitslage ist kritisch; regelmässig eskalieren Spannungen mit den über 80 ethnischen Gruppen oder Nachbarländern (wie gerade kürzlich). Das EDA warnt vor Reisen in mehrere Regionen, und in Addis Ababa sind an vielen Strassenecken bewaffnete Sodaten zu sehen. Vor vielen Gebäuden wie Ministerien, Bibliotheken oder Hotels muss man sich einer Sicherheitsprüfung wie am Flughafen unterziehen.
Grosse Armut – und viele chinesische Investments
Die Bevölkerung Äthiopiens ist sehr jung. Das BIP pro Kopf beträgt USD 961 (nom.), damit liegt das Land auf dem 169. Platz. Auf den Strassen von Addis Ababa sieht man sehr viele unbegleitete Kinder, viele vermutlich obdachlos. Allgemein ist die Armut überall sichtbar, auch mitten in der Stadt gibt es viele behelfsmässige Hütten aus Wellblech. Die Hauptstrassen sind gut ausgebaut, daneben sind aber Strassen unbefestigt und verwandeln sich bei den starken Regenfällen in der Regenzeit in Bäche.

Anderseits fallen die vielen neuen Hochhäuser auf. Diese und auch weitere Infrastrukturprojekte wie die Tram oder moderne Parks wurden von China finanziert. An vielen Baustellen hängt ein Schild der «China Aid for shared future«. Meine Gesprächspartner sehen diese chinesische «Hilfe» durchaus kritisch, da die chinesischen Firmen ihre Projekte mit eigenem Personal umsetzen und kein Know-How-Transfer stattfindet – und sich das rohstoffreiche Land verschuldet. Zwischen den Zeilen meine ich herausgehört zu haben, dass die chinesischen Investments gegenüber den europäischen NGOs bevorzugt werden. Viele NGOs liefern wohl, was vor Ort gar nicht gebraucht wird, und erwarten dafür auch noch ewige Dankbarkeit. Nicht nur aufgrund der Kolonialgeschichte der Europäer kritisch.
Interessante Zusammenarbeit mit äthiopischen Startups
Das STEP-Programm der Tesfa-Ilg-Stiftung ist lose an das Schweizer «Venture» angelehnt (das mein Startup Rayneer 2013 gewonnen hat). In der ersten Phase durfte ich elf äthiopische Startups eine Woche beim Erstellen ihres Pitch Decks unterstützen. Ich habe viele junge, sehr motivierte Gründer:innen kennengelernt. Die meisten Projekte waren Uni-Spinoffs und daher vor allem technisch gut, häufig war aber noch kein durchdachtes Business Model vorhanden. Die Arbeit mit den Unternehmer:innen hat grossen Spass gemacht, weil sie mit Hochdruck an ihren Geschäftsmodellen gearbeitet haben und – nach anfänglicher Zurückhaltung – auch sehr diskussionsfreudig waren.
Viele Teams scheinen sich die Arbeit mit NGOs gewohnt: Nicht nur einmal haben mir Unternehmer:innen off the record erzählt, dass sie ihre Geschäftsidee so geframed haben, dass sie der Ausschreibung der Stiftung entsprach. Im Programm wollten sie das Preisgeld gewinnen, um damit das Startup umzusetzen, an das sie wirklich glauben. Wieder hat sich gezeigt, dass NGOs häufig nicht dort ansetzen, wo es am sinnvollsten wäre.
Die fünf Gewinner-Startups
Am Pitch Day Anfangs September hat die Jury die fünf vielversprechendsten Startups ausgewählt. Neben USD 5’000 erhalten diese Startups weiteres Coaching sowie Büroräumlichkeiten. Die Firmen sollen über lange Zeit betreut werden, sodass nachhaltig Arbeitsplätze geschaffen werden können.
Diese Startup wurden ausgewählt:
Grar Engineering
Über 30% der in Äthiopien verkauften Medikamente sind gefälscht. Auf dem globalen Markt sind zwar sehr gute Testgeräte erhältlich, diese sind für afrikanische Länder aber kaum erschwinglich. Aufgrund der bewaffneten Konflikte darf Technologie auch nur sehr eingeschränkt importiert werden.
Grad Engineering hat deshalb ein Gerät entwickelt, das mittels Spektrometrie und einer eigener AI gefälschte Pharmazeutika entdeckt.
Lafain
Obwohl der Dienstleistungssektor stark wächst, gibt es gerade in ländlichen Gebieten nach wie vor sehr viele Bauern. Aufgrund der sehr langen Supply Chain von Bauern über viele Zwischenhändler zu den Retailern sind die Kosten hoch.
Lafain hat eine integrierte Plattform entwickelt: Mitarbeiter ernten direkt auf dem Bauernhof und liefern sie direkt an Supermärkte.
Open
In Äthiopien gibt es über 80 Sprachen, die verwendete Schrift ist einzigartig. Für sehbehinderte Menschen hat Open ein Stand-Alone-Gerät entwickelt, das Texte aus Büchern und Zeitschriften in lokalen Sprachen vorlesen kann.
Omishtu-Joy
Die Qualität der Ernte hängt massgeblich vom Boden ab, auf dem ausgesäht wird. Das Device von Omishtu-Joy misst verschiedene Werte einer Bodenprobe und zeigt die Resultate in einer Smartphone-App an.
Sheba Bio Tech
Respiratory Distress Syndrome ist eine weitverbreitete Atmungsstörung bei Neugeborenen. Damit die Neugeborenen überleben, muss die Atmung mit Beatmungsgeräten (nCPAP) unterstützt werden. Solche Geräte sind in Äthiopien nicht verfügbar, stattdessen werden häufig aus PET-Flaschen Beatmungsgeräte selbst gebastelt. Diese sind unsicher und unzuverlässig.
Sheba Bio Tech hat eine kostengünstige, aber sichere Alternative zu den teuren Importgeräten entwickelt.


